Titelmotiv: Unser Interview mit Robert Windisch vom WordCamp Vienna über die WordPress Roadmap

Viele beschäftigen sich damit, was man mit WordPress alles machen kann und konzentrieren sich nicht auf die entscheidenden Fragen.

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Wolf-Dieter Fiege
Willkommen auf dem WordCamp Vienna. Wer bist du und was machst du mit WordPress?

Ich bin Robert Windisch und arbeite in einer WordPress-Agentur, die eher im Enterprise-Bereich von WordPress tätig ist und große internationale Webseiten baut.

Ich bin seit 2005 im WordPress Ecosystem.

Wie bist du zu WordPress gekommen? Kennst du dich auch mit anderen Content-Management-Systemen aus?

Andere CMS, wie z.B. TYPO 3, hatte ich damals beruflich ausprobiert. Ich habe aber dann ein System gesucht, mit dem ich Menschen, die ich kenne, nicht immer die gleichen Nachrichten z.B. per ICQ oder ähnlichen Tools, die man damals benutzt hat, schicken kann, sondern wo ich an einem Punkt etwas schreibe und dort alle abholen kann. Zum Beispiel, wenn ich etwas Interessantes im Netz gefunden habe. 

Du bist schon seit Jahren sehr aktiv in der WordPress-Community. Du kennst dich sehr gut mit der Entwicklung von WordPress aus. Was ist da für die nächsten Jahre geplant?

Wir haben sogar eine Roadmap. Es gibt von WordPress die sogenannte Gutenberg-Roadmap. Gutenberg ist der aktuelle Editor von WordPress.

Die Roadmap hat aktuell vier Phasen:

  • In der ersten Phase wurde der neue Gutenberg-Editor ausgerollt.
  • Die zweite Phase war das sogenannte Full-Site-Editing , wo der Editor ins Frontend geholt wurde und man mit dem Editor nun die gesamte Seite bearbeiten kann. Nicht nur die Beiträge innerhalb der Seite, sondern auch den Header, den Footer, die Navigation … Man kann jetzt alles in einem einzigen View bearbeiten, wie das auch Pagebuilder machen.
  • Jetzt arbeiten wir gerade an Phase 3. Phase 3 hat Kollaboration und Workflows zum Ziel. Aktuell bekommt man, wenn mehr als eine Person an einer Seite oder an einem Beitrag arbeitet, und jemand anderer etwas editieren möchte, zum Beispiel die Meldung: „Paula bearbeitet gerade diese Seite, willst du zurückgehen oder übernehmen?“ Wir haben noch dieses Limit und das fühlt sich für eine Software, die im Jahre 2024 genutzt wird, etwas seltsam an. Die Phase 3 der Gutenberg-Roadmap soll es Menschen ermöglichen, kollaborativ an Inhalten zu arbeiten und Workflows zu nutzen. Man kann dann z.B. bestimmen: „Was muss da gemacht werden?“ Und wenn etwas geändert wurde: „Wer muss da noch einmal darüber schauen bzw. gegenprüfen?“
  • Phase 4 wird noch einmal spannend für alle Menschen, die WordPress außerhalb des Englischen oder außerhalb von einer primären Sprache benutzen. Denn mit Phase 4 soll Mehrsprachigkeit Bestandteil des WordPress Core sein. Mehrsprachigkeit soll eine Funktion sein, die WordPress beherrscht, wenn man WordPress installiert. Ohne dass man dafür ein extra Plugin braucht.

Das sind praktisch die nächsten Schritte. Phase 4 wird noch etwas dauern, weil wir gerade noch an Phase 3, an Kollaboration und den Workflows arbeiten.

Viele Einsteiger berichten von Schwierigkeiten mit WordPress. Für viele ist es eine Hürde, denn es ist komplexer als z.B. ein Homepage-Baukasten. Was sind deiner Meinung nach die größten „Pain Points“ bei der Nutzung von WordPress?

Ein Problem, das ich bei meinen Meetups mitbekomme ist folgendes: WordPress gibt den Menschen sehr viel Flexibilität, eben auch durch Plugins. Pagebuilder, wie Elementor oder wie sie alle heißen, geben den Menschen sehr viel Flexibilität. Und die Menschen wollen dann zum Beispiel Abstände einstellen können usw., aber der Grundgedanke: einfach gute Inhalte zu schreiben, guten Content zu erstellen, ist dann nicht mehr das Thema. Denn da wird es wirklich kompliziert, z.B. was die Zielgruppenanalyse betrifft. Wenn man eine Webseite baut, sollte man sich vorrangig nicht mit Fragen beschäftigen wie: „Mache ich jetzt einen größeren Abstand oder einen kleineren Abstand.“ Es geht vor allem um die Frage. „Wo ist meine Zielgruppe?“ „Wie erreiche ich sie?“ „Wie muss ich meine Zielgruppe ansprechen?“ Und das ist der Punkt, wo sich sehr viele Leute im Detail verlieren. Sie beschäftigen sich damit, was WordPress könnte und konzentrieren sich nicht auf die entscheidenden Fragen wie: „Wen will ich eigentlich wie und mit welchen Inhalten erreichen?“ „Wo befindet sich meine Zielgruppe und was sollen die eigentlich sehen?“

Die Flexibilität, die WordPress bieten kann, ist dann für viele Leute überfordernd. Weil sie die ganzen „Spielzeuge“ eben anschalten und benutzen wollen und sich nicht mit den grundsätzlichen Fragen beschäftigen.

Denn die grundsätzlichen Fragen sind: „Was ist eigentlich der Inhalt, den ich auf meiner Seite haben möchte?“ „Wie erreiche ich Menschen?“ „Was will ich mit meinem Business?“ „Wo will ich hin?“ „Was habe ich vor?“ „Was sind meine Zielgruppen?“

In unseren Meetups merken wir, dass Menschen nicht diese komplizierten Punkte angehen wollen. Sie haben die Vorstellung: „Ich will eine Webseite, die stelle ich jetzt live und dann passieren magischerweise Dinge.“ Wie wir aus unseren Erfahrungen wissen, ist das nicht der Weg. Sondern der Weg ist: „Was ist der Inhalt?“ „Wo ist meine Zielgruppe?“ „Und wie erreiche ich sie?“

Hast du das Gefühl, dass die Arbeit mit WordPress für Einsteiger eher einfacher oder eher schwerer geworden ist?

Vor dem Gutenberg-Projekt war der Tiny MCE das Tool der Wahl, um Inhalte zu bearbeiten. Wenn man mal sehen möchte, wie das aussah (und ich empfehle es niemandem), sollte man sich ein Word-Dokument mit Tabellen anschauen. Wenn man diese Tabellen nur leicht verschiebt, können die Inhalte in sich zusammenfallen, weil das einfach nicht dafür gedacht ist.

Das war WordPress vor Gutenberg. WordPress musste das Bearbeitungserlebnis erneuern, weil die Pagebuilder immer mehr Marktanteil gewonnen hatten. Da konnte man nicht einfach sagen: "Lade dir WordPress herunter und dann brauchst du 100%ig einen Pagebuilder, denn du willst auf keinen Fall das Kern-WordPress-Theme benutzen." Deshalb musste der Gutenberg-Editor entwickelt werden, um allen Menschen im gesamten WordPress-Bereich die Möglichkeit zur Bearbeitung der kompletten Seite zu geben.

Eines der häufigsten Kleinstprojekte, die früher auf Fiverr etc. ausgeschrieben wurden, war: „Wie bekomme ich die Footer-Nachricht, dass das Theme mit WordPress gebaut wurde, entfernt?“

Das war mal eine Anfrage, die regelmäßig kam. Heutzutage kann man da einfach in den Footer reingehen und schauen, was da drinsteht und einfach rauslöschen. Früher musste man das per Code entfernen, ohne dabei etwas kaputt zu machen, wenn man diese trivialen Informationen entfernen wollte. Oder man hat ein Multipurpose-Theme benutzt, Avada oder ähnliche. Das hat bei uns bei Meetups ständig zu grausigen Gesprächen geführt. Die Frage war dann immer: „Warum benutzt du dieses Monster an Funktionalität, von dem du eigentlich nur 3 – 5% davon benötigst? Und jetzt wunderst du dich, dass deine Webseite so langsam ist. Was denkst du, woran das liegt? Das Thema, das du gerade benutzt, will alles gleichzeitig sein und deswegen kann es eben nichts gut, sondern alles nur ein bisschen.“ Deswegen soll die Reduktion, die WordPress jetzt seit Jahren forciert, dem User mehr Möglichkeiten geben. Für den Benutzer soll alles vereinfacht werden und er bekommt mehr Macht über den eigenen Bearbeitungsbereich. Das ist es, wo WordPress hin musste. um nicht länger sagen zu müssen: „Benutzt doch einfach ein anderes Plugin“. Denn irgendwann hätten es dann geheißen: „Willkommen auf dem Elementor-Camp. Es gibt noch eine kleine Anzahl an Menschen, die dieses WordPress benutzen, aber eigentlich heißt dieses Ding Elementor Press, weil sonst keiner etwas anderes benutzt.“ Deswegen war es wichtig, dass WordPress im Kern dieses System hat, um ein Angebot an alle zu machen, die sich nicht einfach eine Software von jemand anderem herunterladen möchten. Es zeigt, dass WordPress die Mission „democratize publishing the freedom to build” auch ernst nimmt und diese Menschen abholt mit einem Standard, der – wenn sie WordPress installieren – hilft, eine Webseite zu erstellen und Kontrolle über ihre Inhalte zu haben.

Wenn du dir etwas wünschen könntest, welche Funktion oder welches Feature würdest du dir für WordPress wünschen?

Oh, da gibt es so viel. Wir haben aber schon extrem viele Sachen umgesetzt. Nehmen wir zum Beispiel WordPress 6.5. Nur ein Tipp an alle Menschen:

Es gibt schon so vieles, was umgesetzt worden ist, aber keiner redet darüber.

In WordPress 6.5, was gerade erst veröffentlicht wurde, ist zum Beispiel eine Funktion enthalten, die alle Webseiten, die nicht englischsprachig sind, also Webseiten, die Übersetzungen benutzen, schneller macht. Denn es gab ein Feature, an dem gearbeitet wurde „Performant Translations“, das in WordPress 6.5 eingefügt wurde. Das ist etwas, was WordPress macht, um Übersetzungen zu laden, und das ist jetzt schneller. Diese kleinen Verbesserungen, die dem User ein besseres Benutzererlebnis verschaffen, ist der Font Manager in WordPress 6.5. Diese kleinen, aber feinen Dinge, helfen dem User, WordPress so zu benutzen, wie sie es brauchen, denn viele Features sind nun darin enthalten. Das sind viele langweile Themen, die hinter den Kulissen vorwärts geschoben werden. Wir von der Community sorgen dafür, dass mehr Menschen verstehen, was sie alles benutzen können.

WordPress versucht auch die Leute abzuholen, die WordPress als soziales Netzwerk verwenden möchten und dementsprechend Webseiten einrichten, um ihr Profil im Internet zu haben.

Diese Funktionen sind aktuell noch Plugins, aber sie werden immer häufiger benutzt. Und das ist eben der Punkt, wo ich WordPress Nutzern die Möglichkeit geben möchte, nicht nur auf Social Media aktiv zu werden, sondern eben auch ihr eigenes WordPress benutzen zu können, um Beiträge zu teilen, indem es diese z.B. in andere Universen wie Mastodon schickt, um so dafür zu sorgen, dass nicht jeder in das Social Media System rein muss, sondern WordPress kann auch dafür benutzt werden, um diese Inhalte sichtbar zu machen.

Vielen Dank für das Interview und noch viel Spaß auf dem WordCamp.

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